Drucken

50 Jahre Deutsche Jugendfeuerwehr

Geschrieben von Dräger Safety AG & Co. KGaA.

„Gut Ding will Weile haben“, so lautet ein uralter Spruch, der ab und an auch zum Thema Feuerwehr passt. Als der Dräger Feuerwehr-Reporter vor einigen Monaten von den Feierlichkeiten zum Jubiläum der Deutschen Jugendfeuerwehr (DJF) erfuhr, war klar: In dieses Thema muss auch der Feuerwehr-Reporter eintauchen. Schnell wurde deutlich: Eine alltägliche Reportage zu diesem Thema wird nicht möglich sein. An drei verschiedenen Drehtagen wurden das Deutsche Feuerwehr-Museum, der aktuelle Bundesjugendleiter und das Materiallager der Hamburger Jugendfeuerwehr aufgesucht. Besondere Feuerwehrleute sollten ihre ganz persönliche Sicht auf 50 Jahre Deutsche Jugendfeuerwehr darlegen können und aus ihrer Perspektive das besondere Jubiläum des Jugendverbandes beleuchten. Herausgekommen ist ein Zeitdokument, was es so bisher nicht gab.

 

​ Optisch und vom Lebensalter her, scheint klar zu sein: Diese beiden Herren können eigentlich nicht mehr Mitglied in einer Jugendorganisation sein. Doch als Karl Binai und Georg Kühn das Deutsche Feuerwehr-Museum in Fulda betreten, verändert sich diese eindimensionale Sichtweise schnell: Sie haben noch immer den Schalk im Nacken und auch bei ihren Erzählungen über die Anfänge der Deutschen Jugendfeuerwehr, sind sie jung, modern und sehr aktiv. Seit nunmehr 50 Jahren gibt es den Spitzenverband aller Jugendfeuerwehren in Deutschland. Seither - als Teil des Deutschen Feuerwehrverbandes - gilt: Die Deutsche Jugendfeuerwehr ist so, wie die Mitglieder: Voller Elan. Dabei können die beiden älteren Herren, Karl Binai ist im April 2014 immerhin schon 74 Jahre alt und Georg Kühn im März stolze 82 Jahre alt geworden, nicht nur über einfache Zeiten berichten. Es sollte das erste Interview der beiden gemeinsam seit langer Zeit werden.

Georg Kühn aus Hessen und Karl Binai aus Bayern sind nacheinander in den Jahren 1973 bis 1984 Bundesjugendleiter gewesen.
  Georg Kühn aus Hessen und Karl Binai aus Bayern sind nacheinander in den Jahren 1973 bis 1984 Bundesjugendleiter gewesen.



Rückblick:
Nachdem es vor und während des zweiten Weltkrieges schon Überschneidungen von Jugend und Feuerwehr gab, war allen Beteiligten klar: So etwas, wie es in den Jahren 1933 bis 1945 unter dem Begriff „Feuerwehrscharen“ gab, sollte es nie wieder geben. Jugendliche sollten nicht - erst Recht nicht unter dem Deckmantel von Feuerwehren - für die Ziele eines Regimes missbraucht werden. Doch es gab zum Beispiel mit Benno Ladwig, seines Zeichens Generalsekretär des DeutschenFeuerwehrverbandes von 1963 bis 1976, einen Vorreiter, der die Idee vertrat, die Jugend dennoch wieder an den Deutschen Feuerwehrverband anzugliedern. Denn Jugendfeuerwehren gab es in Deutschland bereits seit 1865, nachdem die Gymnasialfeuerwehr in Wernigerode (Harz) gegründet worden sein soll. Das berichtet Ladwig zumindest in einem Dossier, das noch heute im „Helfer in der Jugendfeuerwehr“ veröffentlich ist. Doch andere Stimmen meinen indes, die erste Jugendfeuerwehr Deutschlands sei auf der Insel Föhr in Schleswig-Holstein entstanden. So oder so, der erste Präsident des Deutschen Feuerwehrverbandes (DFV) nach dem 2. Weltkrieg, Albert Bürger, hob das Thema „Nachwuchsförderung“ auf die Tagesordnung des 22. Deutschen Feuerwehrtages 1953 in Ulm. Doch die „Führungsgremien der Feuerwehr reagierten sehr skeptisch, sehr zurückhaltend, ja, zum Teil völlig abweisend hinsichtlich der Gründung von Jugendfeuerwehren“, berichtet Ladwig über diese Zeit. Obwohl sich in ganz Deutschland nach und nach Jugendwehren gründeten. „Man glaubte, diese neue ‚Mode‘ nicht mitmachen zu können“, erklärt Ladwig die Zurückhaltung: „Der Begriff ‚Jugendfeuerwehr‘ war ohne Zweifel politisch belastet und erweckte ungute Erinnerungen.“ Doch vielen wurde klar: Jugendfeuerwehren waren ja keine nationalsozialistische Erfindung, es gab sie ja schon viel länger. Doch es half nichts. In jedem Jahr wieder beschäftigte sich das DFV-Präsidium, vor allem der Präsident Albert Bürger und Vizepräsident Jonny Matthiesen, der zugleich Landesverbandsvorsitzender von Schleswig-Holstein war, mit diesem Thema und setzten sich für die Gründung von Jugendfeuerwehren ein. Doch ein Zwang sollte es niemals geben. So fußt eine Ansicht, die auch bis heute Bestand hat, darauf, dass es keinerlei Zwang zur Bildung von Jugendfeuerwehren geben dürfe: „Sowohl die Freiwilligen Feuerwehren, als auch die Jugendfeuerwehren mussten freiwillig zur Jugendarbeit zusammenfinden. Wichtige Voraussetzung bei der Gründung einer Jugendfeuerwehr müsse das Vorhandensein eines Feuerwehrkameraden sein, der zur Betreuung und Ausbildung der Jungfeuerwehrmänner geeignet ist“, so steht es im „Helfer in der Jugendfeuerwehr“ geschrieben.

Albert Bürger - 1. Präsident des Deutschen Feuerwehrverbandes wollte das Thema „Jugend in der Feuerwehr“ anschieben. Dennoch dauerte es einige Jahre, bis Jugendfeuerwehren Alltag - auch auf Bundesebene - wurden.Albert Bürger - 1. Präsident des Deutschen Feuerwehrverbandes wollte das Thema „Jugend in der Feuerwehr“ anschieben. Dennoch dauerte es einige Jahre, bis Jugendfeuerwehren Alltag - auch auf Bundesebene - wurden.



1957 sollte es in Lüneburg bei der Sitzung des Deutschen Feuerwehrausschusses nun endlich voran gehen. Unter dem Punkt „Verschiedenes“ - und vor allem ohne vorherige Ankündigung, sollte die Bildung der Deutschen Jugendfeuerwehr angeregt werden. Doch Albert Bürger schrieb später in einem Brief: „Damals waren im Deutschen Feuerwehrausschuss verhältnismäßig viele alte Kameraden. Aus ihrer Mitte kam der Einwand, dass sich der Deutsche Feuerwehrverband nicht um Jugendarbeit in den Feuerwehren kümmern solle.“ Das Thema wurde harsch abgebügelt und der Versuch misslang kläglich. Doch in den Ländern änderte die Ablehnung der „hohen Feuerwehr-Herren“ nichts am Engagement der Feuerwehrleute an der Basis: Unablässig wurden Jugendfeuerwehren gegründet. Vor allem in Niedersachsen und Schleswig-Holstein. Bewegung bekam das Thema Jugendfeuerwehr augenscheinlich, als mit dem Bundesminister für Familie und Jugend, Dr. Bruno Heck, ein Fürsprecher gefunden und Förderungen greifbar wurden. „Der Bundesminister brachte besonderes Verständnis für die Jugendarbeit auf, da er selbst der Freiwilligen Feuerwehr Rottweil angehörte“, attestiert Benno Ladwig später.

Auf Vorschlag von Präsident Albert Bürger wurde bei der Sitzung des Deutschen Feuerwehrausschusses in Rottweil am 2. Mai 1964 der Kieler Oberbrandmeister Paul Augustin kommissarisch zum Bundesjugendwart ernannt. Seit 1957 bereits war er Vizepräsident des Deutschen Feuerwehrverbandes. Kurze Zeit später wurde der Titel Bundesjugendwart in Bundesjugendleiter geändert. Wer nun aber denkt, damit sei die gewünschte Bundesorganisation gegründet, der irrt. Denn bei einer Sitzung mit den Kommunalen Spitzenverbänden im Juni 1964 begrüßten diese zwar den Gedanken, den Jugendfeuerwehren eine rechtliche Organisationsform zu geben, und bejahten die Idee, die Jugend frühzeitig mit dem Gedanken des freiwilligen Feuerwehrwesens vertraut zu machen. Doch angebliche gesetzliche Unklarheiten verhinderten erneut eine Gründung. „Angesichts von über 300 bereits bestehenden Jugendfeuerwehren mit mehr als 4.000 Jugendlichen konnten sich Bundesjugendwart Augustin und Generalsekretär Ladwig mit diesem Ergebnis keinesfalls zufrieden geben“, so der „Helfer in der Jugendfeuerwehr“. Fieberhaft wurde im Hintergrund daran gearbeitet, dass sich bis zum 1. Oktober 1964 alle 574 bestehenden Jugendfeuerwehren mit ihren 9.500 Mitgliedern, verteilt auf acht Bundesländer, zum Zusammenschluss anmelden sollten. So geschah es: Mit Beschluss der Delegiertenversammlung des Deutschen Feuerwehrverbandes vom 31. Oktober 1964 in Berlin war der Weg für die „Deutsche Jugendfeuerwehr“ endlich frei! Bürger, Ladwig und Augustin waren am Ziel.

Sven, Lars und Lisa freuen sich auf das Bundeszeltlager an dem alle drei zum ersten Mal teilnehmen.Sven, Lars und Lisa freuen sich auf das Bundeszeltlager an dem alle drei zum ersten Mal teilnehmen.


Beim ersten „Deutschen Jugendfeuerwehr-Tag“ in Bad Godesberg, wurden Wettkämpfe durchgeführt und der bis dahin nur ernannte Bundesjugendleiter Paul Augustin von den Delegierten gewählt. Auch zwei Stellvertreter wurden in geheimer Wahl gefunden: Für Heinrich Heine (Niedersachsen) und Kurt Hog (Baden-Württemberg) votierten die Mehrzahl der 64 anwesenden der 70 eingeladenen Delegierten. Neben Schleswig-Holstein, aus dem Augustin entstammt, waren Hessen, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und das Saarland angereist. Landesjugendfeuerwehrwarte gab es in diesen Ländern bereits. „Ich erinnere mich noch wie heute, wie wir in dem nassen Zelt saßen“, erklärt Georg Kühn bei einem heißen Kaffee in den Räumen des Deutschen Feuerwehr-Museums in Fulda über das erste Treffen der Delegierten. Im Rahmen des zweiten DJF-Tages 1967 wurde Kurt Hog zum Nachfolger von Paul Augustin gewählt, Heine blieb Vertreter und Georg Kühn aus Hessen rutschte in die Funktion des zweiten Stellvertreters. Nach der Wahl von Peter Laskowski aus Hamburg im Jahre 1971 zum neuen Bundesjugendleiter folgte 1973 Georg Kühn in die Chef-Position, nachdem er 1971 zum ersten Stellvertreter gewählt wurde. Kühn übergab das Zepter im Jahre 1977 an seinen seit 1975 eingesetzten Vertreter Karl Binai. Der Bayer Binai verblieb bis 1985 in dieser Spitzenfunktion.

Gerne hätte der Dräger Feuerwehr-Reporter mit dem ersten Bundesjugendleiter ein Interview geführt, doch Augustin starb bereits 1990. Auch seine beiden Nachfolger Kurt Hog und Peter Laskowski sind leider gestorben. Umso mehr freut es uns, dass mit Georg Kühn und Karl Binai die Bundesjugendleiter vier und fünf trotz ihres hohen Alters so fit sind, dass sie sich im Deutschen Feuerwehr-Museum in Fulda zum gemeinsamen Interview treffen konnten.

Für Georg Kühn stand vor allem die Geschlossenheit der Deutschen Jugendfeuerwehr auf der Agenda, Karl Binai beschäftigten vor allem die Finanzen. Erst 1981 wurde die Deutsche Jugendfeuerwehr auch ein Teil des Deutschen Bundesjugendringes. Zuvor war die DJF ausschließlich im Arbeitskreis zentraler Jugendverbände, der wieder selbst nur Mitglied im Bundesjugendring war - heute sind solche Strukturen unabdingbar für einen so wichtigen und gewichtigen Jugendverband in Deutschland. Jeder Bundesjugendleiter hat sein Thema. Auch Nummer Zehn, Timm Falkowski: „Wir lernen aus der Vergangenheit und sind dabei sehr modern.“ Die Jugendfeuerwehr habe schon immer Dinge zu Themen gemacht und diese dann bearbeitet. An eine Karriere als Bundesjugendleiter hatte Timm Falkowski wohl nie gedacht, als er als Kleinster in der Jugendfeuerwehr begann: „Im Jahre meines Eintrittes, wurden zur 100-Jahr-Feier unserer Freiwilligen Feuerwehr zum ersten Mal auch Jugendliche im Alter von 10 Jahren aufgenommen. Mein Papa war ja schon als Ortswehrführer aktiv, nachdem er 1973 selbst in die Jugendfeuerwehr eintrat.“ So startet auch die Karriere des heutigen Bundesjugendleiters, der 2013 im Rahmen des 20. DJF-Tages von den Delegierten gewählt worden ist. Die etwa 18.000 Jugendfeuerwehren hatten die Delegierten aus allen 16 Bundesländern nach Stadthagen in Niedersachsen entsandt. „Ich freue mich sehr, dass neben 4.200 Teilnehmern des Bundeszeltlagers aus Deutschland, sich auch Gäste aus Schweden, Spanien, Polen, Finnland, Frankreich und Russland angekündigt haben. Ein so großes Zeltlager der Feuerwehren hat es bei uns noch nie gegeben“, freut sich Falkowski. Seine Amtszeit steht indes auch unter einem besonderen Stern: „Wir sind eine besondere Jugendorganisation. Vor allem machen uns die roten Autos und das blaue Licht besonders. Die Feuerwehr-Arbeit. Diese möchte ich auch wieder mehr in den Mittelpunkt ziehen. Daher auch das Bundeszeltlager als Feier für die Kids. Zwar gibt es auch einen Festakt, aber vor allem wollen wir Ferien und Spaß haben.“

Bundesjugendleiter Timm Falkowski und sein Vater Dieter. Beide sind in der Feuerwehr sehr aktiv.  Dieter Falkowski ist Gemeindewehrführer in Schleswig-Holstein.Bundesjugendleiter Timm Falkowski und sein Vater Dieter. Beide sind in der Feuerwehr sehr aktiv. Dieter Falkowski ist Gemeindewehrführer in Schleswig-Holstein.


​ 50 Jahre Deutsche Jugendfeuerwehr steht auch für neue Wege. Denn neben dem Bundeszeltlager und dem Festakt im August gibt es auch einen Zeitstrahl, der im ganzen Jahr noch im Internet spannende Geschichten über die Deutsche Jugendfeuerwehr erzählen soll. Viele Geschichten sind hier schon enthalten. Durch die Mitglieder folgen hoffentlich weitere. Zum offline anschauen gibt es auch im Deutschen Feuerwehr-Museum in Fulda eine Besonderheit zu sehen: Dank des Engagements von Helena Jobst, Jahrgang 1994, und Rolf Schamberger, Jahrgang 1958, bringt eine Sonderausstellung den Zeitsprung, den die Jugendfeuerwehr möglich macht, näher. Ein Ju(n)gendzimmer im Stil der 50er Jahre im direkten Vergleich mit einer Mädelsbude aus dem heutigen Jahrzehnt, den 2014ern. „Hier gibt es einen ‚Sound-Chair‘, in dem es sich nicht nur gut sitzen lässt, sondern ich meinen mp-3-Player auch noch anschließen und musikhören kann“, schwärmt die 19-Jährige, die im Rahmen eines Freiwilligen Sozialen Jahres (FSJ) die Ausstellung mitgestalten konnte. Der 55 Jahre alte Museumsleiter ergänzt: „In dem Zimmer daneben, ist das Tonband zu sehen, mit dem früher eine Musikaufnahme gestartet werden sollte. Doch als die Mutter von unten rief, da das Essen fertig war, war die Aufnahme mit der feschen Musik für alle Zeit zerstört.“ Hier prallen Welten aufeinander. Helena ist neben der Arbeit im FSJ selbst Jugendfeuerwehrwartin in ihrem 500-Einwohner-Dorf. Als 13-Jährige war sie überhaupt erst zur Feuerwehr gekommen. In ihrer Wehr sind 40 aktive Kameraden und 17 JF-Mitglieder. Helena war dort das erste Mädchen überhaupt - mit drei Freundinnen ist sie nun in der Einsatzabteilung aktiv.

Auf jeden Fall ein Besuch wert: Das Deutsche Feuerwehr-Museum. Hier ein Blick in das Magazin.Auf jeden Fall ein Besuch wert: Das Deutsche Feuerwehr-Museum. Hier ein Blick in das Magazin.

Weiterführende Links:

Mehr zu den Veranstaltungen im Jubiläumsjahr 2014:
www.jugendfeuerwehr.de

Spannende Kurz-Geschichten zu 50 Jahre Deutsche Jugendfeuerwehr:
www.zeitstrahl.jugendfeuerwehr.de

Das Deutsche Feuerwehr-Museum Fulda:
www.dfm-fulda.de